![]()
| | home | | synopsis | | crew | | partners | | contact | | press | | news |
Ich hiess Sabina Spielrein
Eigentlich müsste Sabina Spielrein (1885-1942) genauso bekannt sein wie
Sigmund Freud oder C.G. Jung; war sie doch die erste Frau, die 1911 in die
Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen wurde, sich mit dem Seelenleben
von Kindern beschäftigte, der neuen Wissenschaft in Russland den Weg
ebnete und als Lehranalytiker (u.a. für Jean Piaget) tätig war.
Doch bis Ende der 1970er-Jahre zeugten lediglich vier marginale Fußnoten
in Freuds Werk von ihrer Existenz; die Schriften der Russin jüdischen
Glaubens unter anderem zahlreiche Aufsätze im renommierten "Jahrbuch
der Psychoanalyse" waren vergessen, sie selbst (und ihre beiden
Töchter) von der deutschen Wehrmacht ermordet. Dann aber wurde in Genf
ein Koffer mit ihren Tagebüchern aus den Jahren 1909-1912 sowie eine
umfangreiche Korrespondenz mit Jung und Freud gefunden, die ein neues Licht
auf die Anfänge der Psychoanalyse warfen und das spannungsvolle Verhältnis
der beiden Gründerfiguren um eine überraschende Größe
erweiterte: Sabina Spielrein. Die Tochter aus großbürgerlichen
Verhältnissen war 1904 in die Züricher Nervenklinik Burghölzli
eingeliefert und von Jung behandelt worden; die neuartige "Rede-Kur"
nach Sigmund Freud zeigte bei der hochbegabten Frau bald Wirkung, sodass sie
zehn Monate später ein Medizinstudium aufnehmen konnte. Überdies
arbeitete sie fortan als Assistentin in Burghölzli, woraus 1911 ihre
Promotion über einen Fall von Schizophrenie erwuchs. Aus dem intensiven
Kontakt mit Jung datiert allerdings auch eine lebenslang unglückliche
Liebesbeziehung, die unter dem Stichwort der "Gegenübertragung"
sogar in die psychoanalytische Theorie Eingang fand.
Auch der Dokumentarfilm der in Schweden lebenden Filmemacherin Elisabeth Márton
handelt von dieser Mesalliance. Im Unterschied zu mancher freischwebenden
Deutung lässt sie Spielrein allerdings selbst zu Wort kommen, indem sie
ihre Briefe und Notizen durch Voice over zum Sprechen bringt. Die chronologisch
strukturierte Filmbiografie ähnelt dadurch einem authentischen Briefroman,
der auf der Bildebene durch eine stupende Fülle an historischen Fotos,
Wochenschau-Aufnahmen und anderen Dokumenten unterlegt ist. Die kunstsinnige,
hochartifizielle Montage weiß mit dem disparaten Material viel anzufangen,
das mitunter zu höchst bewegtem Leben erwacht, wozu auch die geschickt
eingeschnittene Spielszenen mit den Schauspielern Eva Österberg und Lasse
Almebäck zählen. Durch Überblendungen, extreme Perspektiven,
dem Spiel mit Licht und Schatten und flüchtigen, farbentsättigten
Momentaufnahmen fügen sich diese nachinszenierten Begebenheiten in den
traumnahen Duktus einer zeitversetzten Annäherung, die eine starke, kämpferische
Persönlichkeit nahe bringt. Trotz der nicht kaschierten Fiktionalisierung
durch Eva Österbergs geheimnisvoll-schmales Gesicht, das sich mit aufmerksam-fragendem
und zugleich doch stillem Blick dem Gedächtnis einprägt, wahrt die
intensive filmische Spurensuche eine wohltuende dokumentarische Distanz: Obwohl
intimste Gedanken preisgegeben werden, bleiben die Protagonisten auf eine
bezeichnende Art fremd; nie hat man das Gefühl, sie als "Figuren"
zu durchschauen oder ihre Empfindungen zu "verstehen"; ganz im Gegenteil
begegnet man Jung und Spielrein ähnlich wie realen Personen mit Achtung
und Respekt, auf Augenhöhe. Dazu trägt freilich weniger die angeblich
der Psychoanalyse abgeschaute Form des Films bei, die linear und assoziativ
zugleich sein soll, als vielmehr die Klarheit der Zitate und ihre dem jeweiligen
Dialekt angenäherte Intonation; die raffinierte, vielfach kodierte Bildebene
erschließt sich in ihre Komplexität erst dem zweiten, mit dem Gegenstand
bereits vertrauten Blick.
Trotz seines scharfsinnig-essayistischen Diskurscharakters ist das streng
komponierte Porträt aber so gestaltet, dass es auch eine emotionale Begegnung
mit der ungewöhnlichen Frau ermöglicht und Sabina Spielrein damit
eine Art späte Gerechtigkeit widerfahren lässt, in deren Schicksal
sich die Größe, aber auch die Verdammnis des 20. Jahrhunderts schmerzhaft
widerspiegeln. Was 1904 als "psychotische Hysterie" diagnostiziert
und mit dem noch ungelenken Begriffsapparat der Psychoanalyse seziert wurde,
würde man heute als pubertäre Krise empfinden, durch die eine so
vielseitig talentierte Heranwachsende wohl hindurch muss. Ihr Leben in Widersprüchen,
die ständigen Kompromisse zwischen Karriere und Kindern, Bindung und
Empfindung, Gefühl und Logik ist zur alltäglichen Gestalt modernen
Lebens geworden; der Aufbruch aus Standes- und religiösen Grenzen nicht
weniger. Um so bedrückender empfindet man deshalb wohl den Sturz in die
Barbarei des linken wie rechten Totalitarismus, der dem eben flügge gewordenen
Jahrhundert die Flügel stutzte und eine bislang ungekannte Individualisierung
im Keim erstickte. Die Titelzeile "Ich hiess Sabina Spielrein" ist
deshalb mehr als ein Zitat, fast ein Vermächtnis, zumal es vollständig
um die Zeile "Ich war auch einmal ein Mensch" ergänzt werden
müsste. Elisabeth Mártons filmische Verneigung vor einer Pionierin
der Psychoanalyse öffnet dafür eine Tür, hinter der man einer
faszinierenden Persönlichkeit begegnen kann.
Josef Lederle
Aus: film-dienst 23/2003, 04.11.2003
The way these women manage to
charm us with every conceivable psychic perfection until they have attained
their purpose is one of natures greatest spectacles.
Sigmund Freud
In a letter to Carl Gustav JungThe history of psychoanalysis
is littered with the discarded psyches of the women whose diagnoses were key
to the fame of the great masters. One such woman was Sabina Spielrein. Unlike
the rest, she didnt vanish forever from history. Elisabeth Márton´s
film relates, restages and remembers the tragic story of Spielreins
life as gleaned from a box of her papers discovered in 1977 in the cellar
of Genevas former Institute of Psychology.
Spielrein was a young Russian-Jewish woman of 18 when she arrived in August
1904 at the Burghölzli clinic in Zurich where Carl Gustav Jung had set
up shop. She was his first patient. He was 29 and married. Her cathexis was
rapid and she formed an intense attachment to her young doctor, who seems
to have reciprocated. But after Sigmund Freuds note (above) on the nefarious
nature of females, the doctors hatched the theory of counter-transference
to explain their feelings. Luckily, this wouldnt be Sabinas final
contribution to psychoanalysis. Pronounced cured, she became a psychoanalyst
herself and, within eight years, was practising alongside the founding fathers.
The correspondence between Spielrein, Freud and Jung discovered that day in
the Geneva basement has become essential to understanding the evolution of
psychoanalysis and the virtually insurmountable challenges facing woman
who sought to contribute in any role other than that of patient.
Mártons deft re-enactments and the actors dramatic readings
of Spielreins own words tell a chilling story, bringing to light both
the work of this pioneer and the dark side of psychoanalysis. Documentary
and drama carry Spielreins life into the crosshairs of warring ideologies
(Communism, National Socialism). With a rare gift for melding subjectivity
with biographical facts, Márton brings Sabina Spielrein back to life,
body and soul.
B. Ruby Rich
Toronto International Film Festival 2002
Entertainment Today
Los Angeles
January 31-February 6,2003
Best of the Fest in Palm Springs
My Name Was Sabina Spielrein
(Sweden/dir. Elisabeth Márton)
An amazing, uniquely and poetically told doc which follows
the life of Sabina Spielrein, a Russian Jew who was Carl Jung´s patient,
then lover and eventually associate of Jung and Sigmund Freud, inevitably
creating the field of child psychology but succumbing to the politics of World
War II Europe. Marton miraculously imbues the film with fluid recreations
and imagery, sometimes dreamlike in their power, in telling of Spielrein´s
remarkable life and contributions.
Brad Schreiber
Links:
Homepage Bernd Nitzschke: home.subnet.at/werkblatt/nitzschke/film.html